Berberis in der Homöopathie
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August 2013
Berberis

Berberis in der Homöopathie
Arthritisch-rheumatische Schmerzen stehen im Vordergrund

Seit der Antike war Berberis vulgaris (Sauerdorn, Berberis) eine bedeutende Heilpflanze, die aber in der rationalen Phytotherapie der Gegenwart kaum noch eingesetzt wird (was in Deutschland auch durch eine Negativ-Monographie der Kommission E aus den 80er Jahren bedingt ist). Dass die Experten damals vielleicht irrten, zeigt die steigende Zahl wissenschaftlicher Studien, die in den letzten Jahren mit Extrakten der Heilpflanze durchgeführt worden sind. Neben der phytotherapeutischen Verwendung steht heute der homöopathische Einsatz von Berberis im Vordergrund (Erstprüfung durch Hesse, ca. 1835). Meistens in Komplex-Homöopathika, die überwiegend für Magen-, Leber- oder Nierenerkrankungen gedacht sind. Doch das Homöopathikum Berberis ist auch ein Mittel der ersten Wahl bei Erkrankungen aus dem rheumatischen Formen­kreis, wie erfahrene Homöopathen immer wieder betont haben.

Das homöopathische Arzneimittel Berberis wird aus der getrockneten Rinde ober- und unterirdischer Teile von Berberis vulgaris L., mit einem Gehalt von mind. 2% Alkaloiden, berechnet als Berberin, hergestellt (nach HAB 1; hom. Monographie im Bundesanzeiger 22.11.1985). Das Arzneimittelbild entspricht in der Gesamtheit seiner Symptome den sog. „arthritischen, rheumatischen und gichtischen Erscheinungen“, schreibt z. B. Gilbert Charette, einer der renommiertesten französischen Homöopathen. Und: Es ist „eines unserer führenden Mittel gegen Lumbago“, stellt der erfahrene US-Homöopath George Royal fest. Eines der Leitsymptome des Sauerdorns ist denn auch Lumbago (Hexenschuss) mit in die Beine ausstrahlenden Schmerzen. Wer selbst akuten Hexenschuss erlitten hat, wird einige der nachfolgend berichteten Charakteristika von Berberis sehr gut nachvollziehen können. Die bedeutsamste Modalität des Mittels ist die Verschlimmerung aller Beschwerden durch jedwede Form von Bewegung (ähnlich wie bei Belladonna) oder Anstrengung. Sei es eine plötzliche Erschütterung, selbst Aufstehen, einfaches Spazierengehen oder die Fortbewegung im Auto. Fast selbstverständlich: Ruhe bessert alle Beschwerden von Berberis-Kranken.

Arzneimittelprüfung und Arzneimittelbild

Das Grundwissen der Homöopathie, nämlich die Materia medica, wird seit Hahnemanns Zeiten durch Arzneimittelprüfungen erkannt (entweder in Selbstversuchen oder mit anderen freiwilligen, aber immer weitgehend gesunden Probanden). Bei der kürzeren oder längeren Einnahme eines zu prüfenden Mittels (zumeist in verdünnter Form) treten körperliche, seelische und geistige Phänomene auf, die genauestens verzeichnet werden. Zusammen mit den jeweils vorliegenden toxikologischen und pharmakologischen Erkenntnissen versuchen die Prüfärzte aus diesen Erfahrungsschilderungen und Beobachtungen die wesentlichen Charakteristika einer Prüfsubstanz zu abstrahieren. Dabei entsteht das homöopathische Arzneimittelbild. Also praktisch eine individuelle Signatur einer Prüfsubstanz, die bei manchen gut beschriebenen Arzneimitteln wie z. B. Arsenicum album oder Sulfur so persönlich und aussagekräftig ist wie die Gesamtheit der Eigenschaften eines einzelnen Menschen. Hahnemann hat mit diesem Verfahren die Methodik der systematischen und standardisierten Arzneimittelprüfung als unabdingbare Voraussetzung für den Einsatz von Pharmaka bei Kranken in die moderne Medizin eingeführt. Die homöopathische Therapie besteht, zusammengefasst, aus dem Vergleich der individuellen Vielfalt von Lebensäußerungen eines Kranken mit den bislang vorhandenen Arzneimittelbildern (ca. 2-3.000). Finden sich Übereinstimmungen, kann das Mittel im Sinne des grundlegenden medizinischen Behandlungsprinzips „Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt“ (similia similibus curantur) als Therapeutikum eingesetzt werden.

Berberis: Das homöopathische Analogon zu hexenschussartigen Beschwerden

Berberis

Berberitze: Berberis vulgaris

Diese einfachen Analogien zum Hexenschuss als Charakteristika des Berberis-Arzneimittelbildes setzen sich sogar noch in feinere Beschwerdequalitäten fort. Beispiel: Bei vielen Lumbagobetroffenen liegt bereits vor Ausbruch der Schmerzen eine erhebliche, oft auch schmerz-auslösende Tonus-Erhöhung der autochtonen Rückenmuskulatur vor. Kommt es dann zu den typisch einschießenden, oft auch ausstrahlenden Schmerzen, steigt der Tonus im Sinne einer Abwehrspannung noch weiter an. Eine der Folge und auch eine der Berberis-Charakteristika: Ein deutliches Schwächegefühl im Rücken (bei Lumbago als Überlastungsfolge durch überhohe Anspannung der Rückenmuskulatur), manchmal geschildert als „ich fühle mich wie zerschlagen und erschöpft“. Entsprechend Lumbago werden oft auch Taubheit, Steifheit oder Gelähmtheit von Rücken (Kreuz) oder Gliedern beschrieben. Und natürlich: Müdigkeit beim Erwachen, als ob man nicht geschlafen hätte (was bei solchen Schmerzen auch nur selbstverständlich erscheint). Übrigens ein Teufelskreis: Denn bei Berberis-Patienten kann Ermüdung die Beschwerden verschlimmern.

Arzneimittelbild: Leitsymptome - Modalitäten

Ein durch Beobachtungen gewonnenes homöopathisches Arzneimittelbild umfasst nicht nur pathologische Phänomene (Symptome, Krankheiten), wie z. B. Hexenschuss. Sondern auch und vor allem ganz individuelle Eigenschaften, die bei der Arzneimittelprüfung beobachtet werden. Sind solche Eigenschaften sehr dominant, werden sie Leitsymptome genannt. Bei Berberis sind dies z. B. schmerzhafte Empfindungen verschiedenster Art in der Nieren- und Lendengegend. Modalitäten hingegen sind jene Faktoren, die auf eine Erkrankung bessernd oder verschlechternd einwirken. Bei Berberis verschlechtert jede Form von Bewegung, während Ruhe bessert. Leitsymptome oder Modalitäten müssen bei einem „Berberis-Patienten“ aber gar nicht unbedingt alle präsent sein. Manchmal sind es nur völlig abgedreht erscheinende Kleinigkeiten eines Arzneimittelbildes, die den Homöopathen auf die richtige Spur bringen (eines der sog. eigentümlichen, eigenheitlichen, besonderen Symptome). Berberis weist auch so eines auf: Schmerzhafte Nervenschmerzen unter den Fingernägeln. Wichtig: Weder Leitsymptome, Modalitäten oder eigenheitliche Symptome müssen irgendeinen Zusammenhang mit der zu behandelnden Erkrankung haben.

Schmerzen: Wandern und ausstrahlend

Weitere erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen dem Berberis-Arzneimittelbild und Lumbago: Die oft stechenden („lanzierenden“), brennenden, zerreißenden Schmerzen haben die Merkmale „wandernd“ und „ausstrahlend“. Hinsichtlich Hexenschuss, Arthritis oder Rheuma jeder Genese verwundert das nicht: Es gibt oft keine eindeutig lokalisierbaren Ausgangspunkte der Schmerzen, besonders nicht, wenn der Rücken, große Gelenke oder größere Muskelpartien wie z. B. bei der Fibromyalgie betroffen sind. Ausstrahlende Schmerzen sind neben Lumbago auch typisch bei vielen Rheuma-Betroffenen (was als Folge der unspezifischen Reizung von Schmerzrezeptoren in den erkrankten Gelenken und Körpergeweben gedeutet wird). Typisch sind auch rheumatische, lähmungsartige Schmerzen in Schultern, Armen, Händen, Fingern, Beinen und Füßen. Neuere Berberis-Prüfungen unterstreichen zudem die Eigenschaft des raschen Wechsel der Beschwerden. Noch ein Hinweis auf den rheumatischen Formenkreis sind die manchmal geschwollenen Gelenke von Berberis-Patienten. Sauerdorn, so berichten fast alle Homöopathen, weist neben dieser erstaunlichen Lumbago-Analogie noch zwei relevante Organotropien auf, und zwar zu Niere und Leber. In beiden Fällen medizinisch assoziiert mit Steinbildung und Koliken, homöopathisch assoziiert mit Schmerzen (welcher Genese auch immer) in der Nieren- und Lendengegend, übrigens auch oft beim Wasserlassen. Diese Organotropie bildete bis weit in 20. Jahrhundert die Hauptindikationen der phytotherapeutischen Anwendung der Berberitze: Nämlich Leberfunktionsstörungen, Gallenstauungen und insbesondere Steinleiden.

Zusammenfassend sollen zwei wichtige Homöopathen zu Wort kommen. Charette schreibt: „Man denke an Berberis bei Gallen- und Nierensteinen sowie bei Schmerzen, die die beiden Charakteristika aufweisen: Herumwandern und Ausstrahlen“. Nash betont: „Es kommt nicht darauf an, was dem Patienten fehlt, - wenn er den oben beschrieben, hartnäckigen Schmerz in der Nierengegend hat, dann vergessen Sie Berberis nicht“! Er führt dann noch wichtige Charakteristika des Sauerdorns auf: „Zerschlagenheitsgefühl mit Steifheit und Lahmheit im Kreuz“, „das Aufstehen vom Sitzen fällt ihm schwer“, „Rückenschmerz schlimmer beim Sitzen oder Liegen, besonders morgens im Bett“ und „Gefühl von Taubheit, Steifheit und Lahmheit mit schmerzhaftem Druck in der Lenden- und Nierengegend“ (alles übrigens ähnlich wie bei Rhus toxicodendron). Die Berberitze ist also - neben ihrem individuell indizierten Einsatz in der klassischen Homöopathie - eine wichtige Waffe der symptomatisch orientierten Komplexhomöopathie, wobei der rheumatische Formenkreis ein bedeutsames Indikationsspektrum ist.

Autor, Literatur

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