Bundesverdienstkreuz schützt nicht vor Unwissenheit
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August 2013

Bundesverdienstkreuz schützt nicht vor Unwissenheit


Eine Erwiderung zum Kommentar „Wissenschaft wird schlecht bezahlt, aber für Homöopathie ist Geld da!“ des vorgeblichen Homöopathie- und Weltanschauungs-Experten Prof. Dr. Klaus-Dieter Kossow in der Medical Tribune [1] durch Dr. Michael Hadulla, Heidelberg.
"Goethe hat die Einsicht verbreitet, dass die Welt voller 
Widersprüche ist. Was oft bestätigt wurde ..." Kossow in [1].

Herr Prof. Kossow zitiert in dem obengenanntem Beitrag gleich im ersten Satz Johann Wolfgang von Goethe, um hiermit gegen die Homöopathie zu Felde zu ziehen. Pech gehabt, Herr Kossow: Gerade Goethe hat sich bekanntermaßen homöopathisch behandeln lassen.

Zitat: „... und ich glaube jetzt eifriger als je an die Lehre des wundersamen Arztes, seitdem ich die Wirkung einer allerkleinsten Gabe so lebhaft gefühlt und immer wieder empfinde. ...“ [2]

Zum zweiten Argument im genannten Kommentar, der fehlenden Nachweisbarkeit der Homöopathie ist — zumindest nach schulmedizinischen Kriterien — folgendes zu sagen: Die Homöopathie ist eine streng am Individuum, am Einzelfall, am Menschen ausgerichtete, phänomenologisch und umfassend ärztlich orientierte Behandlungsweise.

Dies soll am Beispiel einer akuten Krankheit, einer Otitis media (= Mittelohrentzündung), verdeutlicht werden:

Bei drei Kindern wird die schulmedizinische Diagnose einer akuten Otitis media gestellt. Alle drei Patienten weisen die üblichen Symptome einer Entzündung des Mittelohres auf: Fieber über 39 Grad Celsius; plötzlich auftretende Ohrenschmerzen; Unruhe und Weinen und natürlich ein gerötetes Trommelfell.
  Jedoch sind diese Symptome für uns Homöopathen nicht „die auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles“ (Organon § 153 [3]). Bei genauer homöopathischer Betrachtung und Erfragen sehen und erkennen wird, dass das erste Kind einen stechenden Schmerz schon bei der geringsten Berührung verspürt. Dazu kommt noch eine ausgesprochene Verschlimmerung der Beschwerden durch Wärme und eine ausgeprägte Durstlosigkeit: Apis – Otitis media.
  Der zweite kleine Patient ist seit der Erkrankung sehr ärgerlich und widerspenstig. Das rechte Ohr und die rechte Wange sind gerötet, die linke Wange ist hingegen blass: Chamomillae – Otitis media.
  Die Otitis media beim dritten Kind stellte sich ein, nachdem es bei kaltem Wind draußen gespielt hatte. Durst auf kaltes Wasser und große Angst und Unruhe begleiten die Beschwerden, die darüber hinaus noch um Mitternacht eingesetzt haben: Aconitum – Otitis media.
  Alle drei Kinder haben schulmedizinisch eine Otitis media, jedoch unterscheiden sich die Erkrankungen bei allen drei Patienten durch ihre individuelle Erscheinung. Jedes Kind bekommt dennoch ein anderes, speziell auf seinen Fall gerichtetes, individuelles homöopathisches Heilmittel. In diesen Fällen brachten Apis beim ersten Kind (Leitsymptome: stechender Schmerz, Durstlosigkeit, Unruhe), Chamomilla (Leitsymptome: ärgerlich, widerspenstig, eine Gesichtsseite rot, die andere blass) beim zweiten Kind und Aconitum beim dritten (Leitsymptome: Folgen nach kaltem Wind, große Angst und Furcht, Beginn um Mitternacht) eine schnelle Heilung. [4]

Es ist unmittelbar ersichtlich, dass ein solches individuelles Vorgehen – ausschließlich am jeweiligen Menschen und seinen Eigenheiten und Besonderheiten orientiert – sich nur schwer mit den Denkformen der Schulmedizin (Statistik, Randomisierung, Doppelblindstudien, evidence based medicine / EBM etc.) in Übereinstimmung bringen lässt. Um es noch deutlicher zu sagen: Würde sich die Homöopathie den Forderungen der Schulmedizin unterwerfen, würde sie ihr eigenes Selbstverständnis von Krankheit und Heilung verraten. In diesem Zusammenhang meint der bekannte Psychoanalytiker und Homöopath Edward C. Whitmont [5]:

„Vielmehr obliegt es uns, die grundsätzliche Beschränktheit der offiziellen Wissenschaft zu erkennen, beim Namen zu nennen und ihr die Eigenart und Einzigartigkeit unserer Erfahrung gegenüber zu stellen, als Forderung der Erweiterung ihres engen Horizonts. Kooperation ja, aber Einordnung oder gar Unterordnung um der „Einheit“ willen, nein. Nur so können wir unseren heute so erforderlichen Beitrag leisten, um eine neue Sicht des Menschen zu schaffen, die in ihm mehr sieht als eine brauchbare biologische Maschine. Eine Sicht, in der Biologisches und Geistig-Seelisches als gleichwertige, gegenseitige Spiegelungen in ihren physiologischen, pathologischen und ethischen Manifestationen präzise erfasst und geheilt werden können.“

Kossow holt hingegen im o.g. Beitrag noch weiter gegen die Homöopathie aus:

"... Wissenschaft wird schlecht, Erfahrung auf deren Grundlage noch 
schlechter, Weltanschauung besonderen Inhaltes, mit zum Teil quasi
religiösen Ritualen, wird ausgezeichnet bezahlt ..." Kossow in [1].

Homöopathie hat nichts mit „quasi religiösen Ritualen“ zu tun, obwohl ihr Begründer Samuel Hahnemann schon häufiger von Gott dem Allmächtigen Vater und dem Geber alles Guten spricht – in einer durchaus respektvollen und demütigen Form. Muss man hiergegen wirklich polemisieren?

Der Homöopathie geht es um die Einführung des Individuellen in die Medizin, es beinhaltet die Gesamtheit der Symptome (Organon § 7 [3]), den Inbegriff der Krankheitssymptome im geistigen, seelischen und körperlichen Bereich (Organon § 18 [3]).

Aber es ist nicht nur die Einführung des Individuellen, die die Homöopathie so wertvoll macht, sondern auch die Wiederentdeckung der Anamnese. Einer wirklichen Anamnese, in deren Verlauf der Patient zu Worte kommt mit seiner Biographie, mit seiner ureigenen Geschichte und dabei vielleicht zum Ausdruck bringt, was ihn zum Fall hat werden lassen, was ihn „zu Fall — gebracht hat“.

Besonders die Spötter mögen zur Anamnese-Technik die wunderbaren Ausführungen Hahnemanns im Organon (Organon § 83, § 84 [3]) lesen und erkennen, das hier Forderungen erhoben wurden, die erst 100 Jahre später von der Psychoanalyse (PA) und noch später von der nicht direktiven Gesprächstherapie (G.T.) eingelöst worden sind:

„Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich lässt er sie stillschweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung [Anmerkung: Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder ein wie sie es Anfangs wollten.] Bloß langsam zu sprechen ermahne sie der Arzt gleich Anfangs, damit er dem Sprechenden im Nachschreiben des Nöthigen folgen könne“. (Organon §84 [3])

Die Frage, die gerade die Homöopathie — in einer einmaligen Form zu beantworten versucht — ist:

Was ist das für ein Mensch? Und: Was braucht dieser Mensch für ein Heilmittel?

Zum Erlernen der Homöopathie benötigt man eine umfangreiche Weiterbildung (Kurse A-F, sowie eine Supervision von zwei Jahren).

"... Andererseits gibt es Versicherte, für deren Glauben an die Homöo-
pathie die Kassen viel Geld bezahlen - und zwar auch zulasten jener
Versicherter, die von der Schulmedizin überzeugt (sic! Anm. des Autors)
und an Homöopathie nicht interessiert sind..." Kossow in [1].

Was ich insbesondere an der obengenannten Kritik vermisse – und damit ist ihr Verfasser kein Einzelfall – ist eben der Umstand, dass Herr Prof. Kossow über das Theoriegebäude der Homöopathie,– das in sich überraschend geschlossen ist, – in keiner Weise Bescheid weiß, aber dennoch gegen die Homöopathie polemisiert.

„Die Einführung des Subjekts (Viktor v. Weizsäcker [6]), die Einführung des Individuellen (Samuel Hahnemann) und auch das, was man so abschätzig als nur Placebo benennt, all das gehört unbedingt zur conditio humana der Medizin, will sie nicht zu einer bloßen Technik und Mechanik verkommen.“

Dr. Michael Hadulla
Heidelberg, 14. März 2007
Arzt für Kinderheilkunde, Psychotherapie und Homöopathie.
Weiterbildungsermächtigt für die Zusatzbezeichnung Homöopathie

Literatur
[1] Kossow KD: Wissenschaft wird schlecht bezahlt, aber für Homöopathie ist Geld da! Medical Tribune. 2007 Feb; 42(8):19.
[2] von Goethe JW: Brief an Johann Jacob und Marianne von Willemer, Jena, 2. September 1820.
[3] Hahnemann S: Organon der Heilkunst, 6. Auflage, 1842 (nach der Ausgabe von Richard Haehl 1921) (Volltext § 7, § 18, § 83, § 84, § 153).
[4] Hadulla MM, Richter O: Die homöopathischen Arzneien. Bd. I und II, Uelzen: ML Verlag; 2002.
[5] Whitmont EC: Der Traum in der homöopathischen Praxis. Göttingen: Burgdorf; 1998.
[6] Weizsäcker V.v.: Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmungen und Bewegung. 6. Aufl. Stuttgart: Thieme; 1996.

Anmerkung von Heilpflanzen-Welt.de

Als Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Allgemeinmedizin müsste der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Honorarprofessor Klaus-Dieter Kossow eigentlich wissen, wieviel Euro eine ganze Armada akademisch ausgebildeter „Psycho“-Therapeuten jeglicher Couleur umsetzen kann, ohne dass — mit Ausnahme vielleicht der Verhaltenstherapie — jemals statistisch signifikante Wirksamkeitsnachweise der von ihnen verwendeten Therapien vorgelegt wurden [a, b, c]. Das System zahlt, Herr Kossow verdient mit und beschwert sich nun über die fehlende „Wissenschaftlichkeit“ der Homöopathie. Tja, und nun steht mit der Gesundheitsreform 2007 wieder mal eine gewisse finanzielle Umverteilung innerhalb der Ärzteschaft bevor: Homöopathische Ärzte sollen nämlich, wenn Patienten sogenannte Wahltarife bei ihren Kassen abgeschlossen haben, wieder ein wenig für ihre Leistung bezahlt bekommen [d]. Genau solche Umverteilungen sind aber immer schon der ärgste Feind des ehemaligen BDA-Vorsitzenden gewesen (zumindest, wenn die Adressaten nicht zum eigenen Klientel gehörten).

Insofern: Danke Herr Kossow, bei Ihnen weiß ich wenigstens, worum es geht. Nämlich um den Euro, der uns allen mittlerweile lieb und teuer geworden ist. Bei manchen anderen, vom heiligen(?) Geist berufenen „Kritikern“ bin ich mir nicht ganz so sicher (Irmgard Oepen, Otto Prokop, Ralf Behrmann etc pp). Ist es eine Lebensaufgabe für Pensionäre, ist es religiös-missionarischer Eifer, ist es Sublimation frühkindlicher Traumatisierungen, ist es reine Rechthaberei, ist es aus methodisch einwandfreier Wissenschaftlichkeit geborener Kommunikationsbedarf mit dem Andersartigen?

Tatsache ist aber auch: Viele Homöopathen suchen — trotz über 200jähriger Marktpräsenz ihrer Schule — immer wieder die Auseinandersetzung mit der Schulmedizin. Dabei — seien wir mal ehrlich — kann die Auseinandersetzung mit dem Nachfolger des Christentum, der modernen Wissenschaft, letztlich nur zu quasi religiösen Streitgesprächen führen [e]. Das Primat der homöopathischen Empirie ist eben nichts für mit Partikularwissen vollgestopfte, ideologisierte Köpfe der Schulmedizin, denen bis heute jede systematische Theorie ihrer „Pseudo-Wissenschaft“ fehlt. Deshalb, liebe Homöopathinnen und Homöopathen: Sparen Sie sich die Zeit sinnlosen Argumentierens besser für Ihre Patienten. Denn, so sagte Hahnemann es schon vor knapp 200 Jahren (Organon, § 1. Bitte beachten Sie die Hahnemannsche Fußnote!):

„Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt1.
1 Nicht aber (womit so viele Aerzte bisher Kräfte und Zeit ruhmsüchtig verschwendeten) das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehungen im unsichtbaren Innern zu sogenannten Systemen, oder die unzähligen Erklärungsversuche über die Erscheinungen in Krankheiten und die, ihnen stets verborgen gebliebene, nächste Ursache derselben u.s.w. in unverständliche Worte und einen Schwulst abstracter Redensarten gehüllt, welche gelehrt klingen sollen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen, während die kranke Welt vergebens nach Hülfe seufzte. Solcher gelehrter Schwärmereien (man nennt es theoretische Arzneikunst und hat sogar eigne Professuren dazu) haben wir nun gerade genug, und es wird hohe Zeit, daß, was sich Arzt nennt, endlich einmal aufhöre, die armen Menschen mit Geschwätze zu täuschen, und dagegen nun anfange, zu handeln, das ist, wirklich zu helfen und zu heilen.

Rainer H. Bubenzer, Chefredakteur Heilpflanzen-Welt.de.

Literatur
[a] Beware The Talking Cure: Psychotherapy May Be Hazardous to Your Mental Health. Social Issues Resources Series (SIRS), Upton Books, Boca Raton/FL, 1994.
[b] Zimmer DE: Tiefenschwindel – Die endlose und die beendbare Psychoanalyse. Rowohlt Verlag, Reinbek, 1986.
[c] Shapiro AK, Shapiro E: The Powerful Placebo: From Ancient Priest to Modern Physician. The Johns Hopkins University Press, Baltimore/MD, 1997.
[d] NN: Gesundheitsreform – Homöopathische Arzneimittel können künftig wieder erstattet werden. Homöopathische Nachrichten. 2007 Feb; 2:1 (Volltext http://www.dzvhae.com/portal/pics/abschnitte/080207094955_5homnach130.pdf).
[e] Galling K et al. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 7 Bände. Mohr-Siebeck, Tübingen 1957–1962 (3. Aufl.).